Goethe über Proserpina

Aus Goethes Aufsatz über „Proserpina” im „Morgenblatt”, 8. juni 1815:

Die verschiedenen Elemente nun, aus welchen die erneute Darstellung auferbaut worden, sind folgende:

I. Dekoration, 2. Rezitation und Deklamation, 3. körperliche Bewegung, 4. Mitwirkung der Kleidung, 5. Musik, und zwar a. indem sie die Rede begleitet, b. indem sie zu malerischen Bewegungen auffordert, c. indem sie den Chor melodisch eintreten läßt. Alles dieses wird 6. durch ein Tableau geschlossen und vollendet.

I. Bei der Dekoration, welche immer dieselbe bleibt, war beabsichtigt, die Gegenden des Schattenreiches nicht sowohl öde als verödet darzustellen. In einer ernsten Landschaft Poussinischen Stils sah man Überreste alter Gebäude, zerstörte Burgen, zerbrochene Aquadukte, verfallene Brücken, Fels, Wald und Busch, völlig der Natur überlassen, alles Menschenwerk der Natur wiedergegeben . . .

2. Daß nun auf einem solchen Schauplatz Rezitation und Deklamation sich musterhaft hervortun müsse, bedarf wohl keiner weitern Ausführung; wie denn bei uns deshalb nichts zu wünschen übrig bleibt. So wie denn auch

3. die körperliche Bewegung der Darstellenden in größter Mannigfaltigkeit sich einer jeden Stelle eigentümlich anschloß, und

4. die Kleidung entschieden mitwirkte; wobei wir folgende Bemerkung machen. Proserpina tritt auf als Königin der Unterwelt; prächtige übereinander gefaltete Mäntel, Schleier und Diadem bezeichnen sie; aber kaum findet sie sich allein, so kommt ihr das Nymphenleben wieder in den Sinn, in das Tal von Enna glaubt sie sich versetzt, sie entäußert sich alles Schmucks und steht auf einmal blumenbekränzt wieder als Nymphe da . . .

5. Nunmehr aber ist es Zeit, der Musik zu gedenken, welche hier ganz eigentlich als der See anzusehen ist, worauf jener künstlerisch ausgeschmückte Nachen getragen wird, als die günstige Luft, welche die Segel gelind, aber genugsam erfüllt und der steuernden Schifferin bei allen Bewegungen nach jeder Richtung willig gehorcht.

Die Symphonie* eröffnet eben diesen weiten musikalischen Raum, und die nahen und fernen Begrenzungen desselben sind lieblich ahnungsvoll ausgeschmückt. Die melodramatische Behandlung hat das große Verdienst, mit weiser Sparsamkeit ausgeführt zu sein, indem sie der Schauspielerin gerade so viel Zeit gewährt, um die Gebärden der mannigfaltigen Übergänge bedeutend auszudrücken, die Rede jedoch im schicklichen Moment ohne Aufenthalt wieder zu ergreifen, wodurch der eigentlich mimisch-tanzartige Teil mit dem poetisch—rhetorischen verschmolzen und einer durch den andern gesteigert wird.

Eine geforderte und um desto willkommenere Wirkung tut das Chor der Parzen, welches mit Gesang eintritt und das ganze rezitativartig gehaltne Melodram rhythmisch—melodisch abrundet: denn es ist nicht zu leugnen, daß die melodramatische Behandlung sich zuletzt in Gesang auflösen und dadurch erst volle Befriedigung gewähren muß.

6. Wie sich nun dieser Chorgesang zur Deklamation und melodramatischen Begleitung verhielt, ebenso verhielt sich zu der an einer einzelnen Gestalt in’s Unendliche vermannigfaltigten Bewegung das unbewegte Tableau** des Schlusses. Indem nämlich Proserpina in der wiederholten Huldigung der Parzen ihr unwiderrufliches Schicksal erkennt und, die Annäherung ihres Gemahls ahnend, unter den heftigsten Gebärden in Verwünschungen ausbricht, eröffnet sich der Hintergrund, wo man das Schattenreich erblickt, erstarrt zum Gemälde, und auch sie, die Königin, zugleich erstarrend als Teil des Bildes . . .

Die löbliche Gewohnheit, das Bild nach einer kurzen Verdeckung zum zweiten Male zu zeigen, benutzte man zum Abschluß. Ein niederfallender Vorhang hatte auch Proserpina mit zugedeckt; sie benutzte die kurze Zwischenzeit, sich auf den Thronsitz zu begeben, und als der Vorhang wieder aufstieg, sah man sie neben ihrem Gemahl, einigermaßen abgewendet, sitzen und sie, die Bewegliche, unter den Schatten erstarrt. Chorgesang mit Musikbegleitung dauerte bis zu Ende.

 (Mit *Symphonie ist die Ouverture bei Karl Eberweins Vertonung gemeint; ein **Tableau bezeichnet ein “lebendes Bild”.)