/// Proserpina

Goethes Monodrama entstand so um das Jahr 1777 herum. Die Form des Melodramas war damals noch recht neu und Goethe, der stets interessiert daran war, Wort und Musik in eine miteinander agierende Form zu bringen, schrieb mit diesem Werk eines, das einer einzelnen Schauspielerin die Möglichkeit gibt, sich in allen Facetten ihres Könnens sprachlich und körperlich zu präsentieren.

Produktionstagebuch

Wie aus ersten kleinen Überlegungen durch den Sommer hindurch eine Kunstnot entstand, begreife ich erst nach und nach. Es ist ein unbestimmtes Gefühl, mit unbestimmtem Ausgang, ein Risiko, eben: das Leben.
So unbemerkt unauffällig hat sich dieser Goethe eingedrängt und eingeschrieen: I had the same problems. Sturm und Drang in allen Winkeln dieser Erde. Ewigkeiten sind nur ein Wimpernschlag, so what does this mean for so really scant time.
Unsere Jungschauspielerin Carla; wie despektierlich mir das auf einmal erscheint; Schauspielerin, wie gering. Wenn ein Mensch soviel Herzblut in die künstlerische Zusammenarbeit steckt, ist das Größe, ist das Reife, ist das Seele. Und was auch immer Ihr, unsere Zuschauer, darin erkennen mögt, ich weiß um die Mühe, das Ringen, um die Herkulesarbeit, die Carla in ihre erste große, abendfüllende monodramatische Arbeit steckt.
Ihre Opfer, Ihre Überwindung, Ihr Wollen, Ihre Klarheit und Schönheit, Ihre Strahlkraft.

Geplant als szenische Lesung?! Was wurde im Malstrom der Ereignisse dieses Sommers urplötzlich für ein Theateransatz, eine Performancekonstruktion daraus, die sich bedient am Bewegungsrepertoire eines Bondara, eines McGregor, eines Preljocaj oder Scarlett.

Wir stellen fest, Tanz ist da, wo Bewegung ist (nun gut, das stellen wir nicht wirklich fest, wir realisieren es neu); wir versuchen Sprache zu tanzen und werden Melodram. Wir emotionalisieren die doch, ach, so aktuellen modernen Texte Goethes, die nur immer wieder zeigen, dass die Menschenprobleme nicht so rasch Veränderungen unterworfen sind, wie uns die Gesellschaft manchmal glauben machen möchte…
wir machen einen Work in Progress daraus, Prozesskunst.

25. August

Die Proben laufen. Schon seit zwei Wochen kämpfen wir um Erkenntnis. Wir loten tiefenpsychologische Aspekte dieses Monodramas aus. Wir staunen, wie hochaktuell und großartig Goethe Probleme der Emanzipierung des eigenen Seins in wunderbare Verse werfen konnte. Wie hätten Freud und er ihre Freude gehabt.

Wir arbeiten an einem Bewegungsrepertoire, dass sich von der reinen Performance entfernt und ganz in Gedanken an Pina Bausch ist. Dennoch in ganz eigener Sprache. Jeder Körper spricht anders aus, was er fühlt. Jeder Mund stammelt anders Wortgedanken. Jede Liebesgeschichte hat ihr eigenes Universum; UNI VER SUM.

Goethe:

Proserpina tritt auf als Königin der Unterwelt, als Plutos geraubte Gattin, noch ganz im ersten Schrecken über das Begegnis; ermattet vom Umherirren in der wüsten Öde des Orkus, hält sie ihren Fuß an, den Zustand zu übersehen, in dem sie sich befindet.
Ein Rückblick in den unlängst verlornen läßt sie noch einmal die unschuldige Wonne desselben fühlen.
Sie entladet sich des lästigen Schmucks der ihr verhaßten Frauen- und Königswürde.
Sie ist wieder das reizende, liebliche, mit Blumen spielende Götterkind, wie sie es unter ihren Gespielinnen war; der ganze idyllische Zustand tritt mit ihrer Nymphengestalt uns vor Augen, in welcher sie die Liebe des Gottes reizte und ihn zum Raube begeisterte.
Unglücklich, seine Gattin zu sein, unglücklich, über Schatten zu herrschen, deren Leiden sie nicht abhelfen, deren Freuden sie nicht teilen kann, wendet sie ihr bedrängtes Herz zu ihrer göttlichen Mutter, zu Vater Zeus, der die Verhängnisse, wenn auch nicht aufhebt, doch zu lenken vermag; Hoffnung scheint sich zu ihr herabzuneigen und ihr den Ausgang zum Licht zu eröffnen.
Ihr erheiterter Blick entdeckt zuerst die Spuren einer höhern Vegetation.
Die Erscheinung ihrer Lieblingsfrucht, ein Granatbaum, versetzt ihren Geist wieder in jene glücklichen Regionen der Oberwelt, die sie verlassen.
Die freundliche Frucht ist ihr ein Vorbote himmlischer Gärten. Sie kann sich nicht enthalten, von dieser Lieblingsfrucht zu genießen, die sie an alle verlass’ne Freuden erinnert.
Weh der Getäuschten!
Was ihr als Unterpfand der Befreiung erschien, urplötzlich wirkt es als magische Verschreibung, die sie unauflöslich dem Orkus verhaftet. Sie fühlt die plötzliche Entscheidung in ihrem Innersten. Angst, Verzweiflung, der Huldigungsgruß der Parzen, alles steigert sie wieder in den Zustand der Königin, den sie abgelegt glaubte: sie ist die Königin der Schatten, unwiderruflich ist sie es; sie ist die Gattin des Verhaßten, nicht in Liebe, in ewigem Haß mit ihm verbunden.
Und in dieser Gesinnung nimmt sie von seinem Throne den unwilligen Besitz.

(Johann Wolfgang v. Goethe)

Goethe führte dieses Werk als Theaterdirektor erneut im Jahre 1815 auf und nahm dies zum Anlass für einem Aufsatz im Morgenblatt.

Da das Werk eine für die Sage eine entscheidende Figur ausklammert, Proserpinas Mutter Ceres, die Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit, fügen wir einen Ausschnitt aus Ovids Metamorphosen hinzu, der der Verständlichkeit der Geschichte zugute kommt: “Ceres”.
Ceres irrt in der Welt umher und sucht ihre Tochter. Jupiter hat es versäumt, Pluto den Raub zu untersagen, um mit ihm nicht in Zwist zu verfallen. Ohne Verbot und ohne Erlaubnis raubte Pluto also Proserpina.
Als Ceres dies erfährt beschließt sie ihren Aufgaben zu entsagen und die Erde verkümmert. Bevor die Menschheit verhungert, sorgt Jupiter dafür, dass Proserpina zu den Göttern zurückkehren kann. Allerdings dieses mit der Einschränkung, dass sie nur sechs Monate des Jahres zurückkehrt; die anderen muss sie jeweils bei Pluto weilen, da sie in der Unterwelt schon etwas von der Frucht des Granatapfelbaums gegessen hatte und somit der Unterwelt verhaftet ist.

Soweit die Übersicht über die Sage. Die Entwicklung des Stückes während der Proben führt im Moment geradewegs in Richtung einer tanztheatralischen Aufführung. Die Auswahl der Musik schwankt noch zwischen Respighi, Kancheli und Henriksen

Die tiefenpsychologische Auslotung führt zu neuen Aufführungsideen, wie zur Integration der Trauerphasen nach Elisabeth Kübler-Ross (Leugnen, Zorn, Verhandlung, Depression und Leid, Akzeptanz) als probenexistenziellen Ansatz.

Auf alle Fälle wird unser konzeptueller Neuansatz wieder integriert, alle Inszenierungen medial zu begleiten; sei es fotografisch, filmisch oder akkustisch. Dabei sind die entstehenden Bilder nicht unbedingt bühnendirekt, sondern vielmehr auch sekundäre Informationen und ästhetische Ergänzungen.

Mit
Carla Gesikiewicz
Stephan Joachim

Altersempfehlung: Ab 12 Jahren.

TERMINE:
Freitag, 20. September 2019 / 20 Uhr (Premiere)
Samstag, 21. September 2019 / 20 Uhr
Sonntag, 22. September 2019 / 16 Uhr (!)
Sonntag, 29. September 2019 / 20 Uhr
Freitag, 4. Oktober 2019 / 20 Uhr
Samstag, 26. Oktober 2019 / 20 Uhr
Samstag, 2. November 2019 / 20 Uhr
Sonntag, 3. November 2019 / 16 Uhr

 

Downloads:
Der Text von Goethe
Der Text im Ablauf der Performance:

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